Das Eider-Sperrwerk

Das Eidersperrwerk befindet sich an der Mündung der Eider bei Tönning. Hauptzweck des Sperrwerks ist der Schutz vor Sturmfluten der Nordsee, es ist das größte deutsche Küstenschutzbauwerk. Als Jahrhundertbauwerk gefeiert, wurde es am 20. März 1973 eingeweiht. Nachdem 1962 die Hamburg-Sturmflut auch Tönning erfasste, überlegte man, ob man die Deiche am Eiderufer erhöhen oder ein Sperrwerk an der Mündung errichten sollte. Man entschied sich für letzteres.

Rund 170.000 Tonnen an Fels, Beton, Kies und Stahl wurden bewegt, bis am 20. März 1973 der "Koloss von Vollerwiek" das Sturmflutbollwerk an der Eider - eingeweiht werden konnte. Hinzu kommen nochmals geschätzte 110.000 Tonnen für den Bau der bislang größten deutschen Trutzburg gegen den "Blanken Hans", die Sturmfluten der Nordsee. Rund 171,5 Millionen DM hat das Bollwerk gekostet. Seitdem schützt der stählerne, graue Klotz das Binnenland vor Überschwemmungen. Das sind rund 2.000 Quadratkilometer Niederungen bis hinauf nach Rendsburg. Die Gewalt von Wasser, Sturm und Mondeinflüssen ist enorm. Bei jedem Tidenwechsel (2 x am Tag) drückt allein der Mond als Erdtrabant das Eidersperrwerk samt Fundament um Millimeter von seinem ursprünglichen Platz. Dies wurde nun von Wissenschaftlern der Hamburger Fachhochschule festgestellt.

Eine Straße führt durch das Sperrwerk (Tunnel) und verbindet die Halbinsel Eiderstedt mit dem Festland. Durch eine Schleuse auf der Eiderstedter Seite (blaue Hubbrücke) gelangen die Schiffe von Tönning in die Nordsee und zurück.
Auf jeder Seite des Sperrwerkes befinden sich fünf gigantische Fluttore, die mit den Gezeitenströmen wahlweise geöffnet oder geschlossen werden. Jetzt muß der "graue Klotz" selber geschützt werden, damit seine Schutzfunktion nicht leidet. Das Nordsee-Salz frist beständig seit 1983 an Beton und Stahl-Armierung. Fachleute beim Wasser- und Schiffahrtsamt Tönning (WSA) schätzen die Sanierungskosten derzeit auf DM 18 bis 20 Millionen DM. Schon 1993/94 mußten 420.000 Tonnen Fels zum Schutze des Sperrwerkes am Fuße der Fundamente versenkt werden.

Zweimal am Tag strömen mit den Gezeiten hier 30 bis 40 Millionen Kubikmeter Nordsee- und Eiderwasser durch die Fluttore und belasten die Fundamente extrem. Die aktuellen Kosten für einen kurzfristigen Schutz belaufen sich auf ca. DM 40 Millionen. Das Problem liegt generell: "Wir können die Sohlensicherung bis hinüber nach Helgoland ausdehnen und dennoch nicht die Auskolkung verhindern", bedauert Jürgen Hinrichsen, stellvertretender Chef der Tönninger WSA. Jetzt überwacht ein neues Schiff mit modernster Satelliten-Technik die Veränderungen am Sperrwerk. Bislang betrugen die Unterhaltungskosten von 1973 bis heute 76 Millionene Mark - ohne Personalkosten.

Jedes der imposanten Sieltore wiegt 250 Tonnen. Bei jeder Tide rauschen rd. 30 Millionen Kubikmeter durch die Tore. Der Betriebsmeister der Wasser- und Schifffahrtsamtes Tönning regelt vom Turm aus - durch Steuern der Tore - den Pegelstand der Eider ("Sielbetrieb").

Sechs Monitore überwachen die Schleusenkammern und die zuführende Strasse. Über Schaltpulte wird der Schleusenbetrieb und die Stellung der Sieltore reguliert. Fünf Computerdisplays zeigen Wetterdaten, die Pegelstände von Nordsee, Eider und Treene und den Status der Leuchttürme von Büsum bis Sylt. Das Eidersperrwerk ist im Schichtdienst rund um die Uhr besetzt. Das Eidersperrwerk dient nicht nur zum Schutze vor Sturmfluten, sondern dient auch der Entwässerung des Binnenlandes. Der Trick: Wenn die Sieltore geschlossen werden, wird das nächste Hochwasser ausgesperrt und kann in der Eider keinen Gegenstau gegen das abfließende Wasser bilden.

Die Eider behält so trotz der - in der Nordsee - auflaufenden Flut einen niedrigeren Pegel als die Treene - das Fließgefälle vom Inland zur Küste bleibt erhalten. Die (Regen-)Fluten aus dem Binnenland können dadurch bis zum geschlossenen Sperrwerk abfließen. Bei der nächsten Ebbe werden die Sieltore wieder geöffnet: Das Wasser fließt in die Nordsee ab.Dieser Vorgang wird als "Sielbetrieb" bezeichnet. Diese Technik wurde schon von den Friesen im 11. Jahrhundert entwickelt und beständig verbessert. Bekannte Sielanlagen befinden sich z.B. an der Küste in Schlüttsiel, Friedrichsstadt, Nordfeld, Lexfähre und auf Pellworm in Tammensiel. Zweimal im Jahr - im Herbst und Frühjahr - müssen spezielle Taucher die Beschaffenheit der Sohle des Eidersperrwerks überprüfen: "Mit Muscheln und Pocken bewachsen, ziemlich durchgehend, eine Schicht - etwa fünf Zentimeter. Keine losen Steine, keine Kolke", meldet der Taucher - seit 1971 im Job - vom Grund der Eider an das Taucherschiff "TL 1107". dem Tauchmeister. Er protokolliert an Bord die Meldungen und trägt sie punktgenau in einen Bauplan des Sperrwerks ein.

Der Schiffsbetriebsinspektor und Leiter des Eidersperrwerks nennt den offiziellen Auftrag dieser einwöchigen Untersuchung: "Die Unterwasser-Inspektion des Küstenschutzbauwerks und der Sohlen-Beschaffenheit - außen wie binnendeichs - muss regelmässig durchgeführt werden". Dafür werden die riesigen Segmentverschlüsse des Sperrwerks vorher für acht bis neun Stunden geschlossen, um die Wasserstände "binnen und buten" auszugleichen. Erst dann dürfen die Taucher ins Wasser.Die drei Berufstaucher sind abwechselnd für eineinhalb bis zwei Stunden im Einsatz. Im Herbst ein harter Job: Das Wasser hat gerade so fünf Grad Celsius. Neben der Kälte, die auch in den Spezialanzügen zu merken ist, macht die "Blindheit" unter Wasser selbst den Profis zu schaffen. Bei "Sicht null" tasten sich die Taucher an der Sohle des Sperrwerks entlang. Die Sohle wurde mit riesigen Granitblöcken gesichert. Dazwischen könnnen sich - bedingt durch die mächtigen Verwirbelungen des Wassers (Gezeitenströme) an den Sperrtoren - bis zu 30 m tiefe Löcher, sogenannte Kolke bilden: Gefährlich für die Sicherheit des Sperrwerks, vor allem aber für die Taucher.

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Fotos:  Ulf Jungjohann, Dirk Ingo Franke, Wolfgang Pehlemann,

           Gerhard Honnens